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In der Reisewelt von Sri Lanka ist ein bizarres Phänomen zu beobachten: Menschen, die in ihrer Heimat eine Fahrt mit der Bahn eher als Last empfinden und den Schienenverkehr im Alltag meiden, entwickeln in Ella eine regelrechte Eisenbahnmanie. Der Ort wird in sozialen Netzwerken derart gehypt, dass die Bahnstrecke nicht mehr primär als Transportmittel, sondern als reine Fotokulisse dient.
Dieses Streben nach dem perfekten Bild führt dazu, dass Influencer sich für riskante Aufnahmen aus den offenen Türen der fahrenden Waggons hängen, wobei sie oft die Naturgewalten und die technischen Realitäten der Strecke unterschätzen. Die Faszination für die Bahnstrecke nach Ella hat in den letzten Jahren Ausmaße angenommen, die in krassem Gegensatz zur Realität der Infrastruktur und der damit verbundenen Gefahren stehen.
Das Klima in den Highlands ist unbeständig, und schwere Unwetter führen regelmäßig zu massiven Unterbrechungen des Bahnbetriebs. Erdrutsche und herabstürzendes Gestein blockieren die Gleise, was den ohnehin langsamen Verkehr oft für Tage zum Erliegen bringt. Die Kombination aus diesen Naturgefahren und dem leichtsinnigen Verhalten der Touristen fordert manchmal einen hohen Tribut.
Was in den sozialen Medien oft spielerisch leicht aussieht, ist lebensgefährlich. Das Phänomen, dass sich Touristen für das perfekte Foto weit aus den offenen Waggontüren lehnen, hat eine dunkle Kehrseite. Die Sicherheitsbehörden warnen eindringlich vor der Sogwirkung des Zuges und vor Hindernissen wie Brückenpfeilern oder Tunnelwänden, die oft nur Zentimeter an den Wagen vorbeiziehen. Besonders tragisch ist, dass viele Unfälle bei relativ geringer Geschwindigkeit passieren, wenn die Fahrgäste durch eine plötzliche Erschütterung des Waggons auf dem alterschwachen Unterbau des Schienennetzes das Gleichgewicht verlieren.
Technisch gesehen ist die Strecke noch ein Relikt der britischen Kolonialzeit; sie wurde ab den 1860er-Jahren ursprünglich für den Abtransport von Tee konzipiert. Die Gleisanlagen sind auf einer indischen Breitspur von 1.676 mm verlegt, was den massiven blauen und roten Zügen eine besondere Stabilität in den scharfen Kurven verleiht. Dies ist eine der breitesten Spurweiten weltweit. Eine erstaunliche Abweichung von der weltweiten Praxis, im Gebirge wegen der engen Kurven lieber Schmalspur zu verwenden.
Die Herausforderungen in dieser Landschaft sind extreme Steigungen und enge Radien. Die Geschichte der Gleisanlagen zeugt von einer enormen Ingenieursleistung, da die Trassen oft ohne schweres Gerät in den nackten Fels geschlagen wurden. Das Design ist auf Langlebigkeit, aber nicht auf Geschwindigkeit ausgelegt. Die von uns beobachteten Züge bewegten sich mit geschätzten 30 km/h fort, die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt laut Fahrplan unter 20 km/h.
Heute ist diese historische Infrastruktur völlig überlastet. Während die Züge oft hoffnungslos mit Touristen überfüllt sind, kann die Instandhaltung mit der intensiven Nutzung kaum Schritt halten. Als Reaktion auf die vielen Unfälle hat die srilankische Eisenbahnverwaltung begonnen, neue klimatisierte Züge mit automatischen Türen zu importieren, die bis Ende 2026 flächendeckender eingesetzt werden sollen. Dies wird das Abhängen aus der Tür in diesen Waggons unmöglich machen – zum Leidwesen der Influencer, aber zur Entlastung der Rettungskräfte.
Die Strecke durch das Hochland ist extrem anfällig für die Launen der Natur. Besonders nach dem schweren Zyklon namens Ditwah Ende 2025 kam es zu massiven Schäden. Erdrutsche sind an der Tagesordnung. Stand Anfang 2026 war die Verbindung zwischen Kandy und Ella immer noch teilweise unterbrochen oder nur eingeschränkt befahrbar. Reparaturarbeiten an beschädigten Durchlässen und Gleisbetten ziehen sich oft über Monate hin.










Die Nine Arch Bridge, die majestätisch zwischen den Stationen Ella und Demodara thront, ist zweifellos das Epizentrum der touristischen Begeisterung im Hochland. Auch wenn wir nicht mit der Bahn gefahren sind, wollten wir uns das dennoch einmal ansehen und haben uns mit dem Tuk-Tuk zum Café Soul fahren lassen. Die Wege dorthin sind extrem schmal und steil. Oberhalb des Cafés hatte ein Anwohner auf seinem Grundstück einen Parkplatz für die Tuk-Tuks der Touristen angelegt mit hohen Parkgebühren.
Unser Vermieter setzte uns am oberen Zugang zum Café ab, dort gab es dann keinen freien Platz mehr. Von hier aus kann man die Brücke schon sehen und auch die Menschenmassen, die sich dort versammeln. Wir gingen weiter nach unten, dort ging es noch etliche sehr steile und schmale Stufen bergab. Auf Höhe der Brücke selbst fanden wir dann einen schönen Aussichtspunkt, einen ehemaligen Verkaufsstand aus Holz an einem Seitenweg. Hier konnten wir uns sogar auf ein Brett setzen und auf die Ankunft des Zuges warten, so wie alle anderen auch.
Das Bauwerk hatten wir seitlich in einem guten Licht. Diese Brücke – es gibt noch zahlreiche andere rund um Ella, nur ohne diesen Hype – wird lokal auch "Brücke am Himmel" genannt. Sie gilt als eines der beeindruckendsten Beispiele für die Ingenieurskunst der Kolonialzeit.
Ihre Konstruktion ist deshalb so bemerkenswert, weil sie Anfang des 20. Jahrhunderts während des Ersten Weltkriegs fertiggestellt wurde, als Stahl knapp war. Die gesamte Brücke besteht daher ausschließlich aus massiven Ziegelsteinen, Felsen und Zement, ohne dass ein einziger Stab aus Eisen oder Stahl zur Verstärkung verwendet wurde. Sie ist 24 Meter hoch und 91 Meter lang, die Fertigstellung erfolgte ca. 1921.
Heute hat sich die einst stille Kulisse inmitten von Teeplantagen und dichtem Dschungel in einen Ort verwandelt, der von Menschenmassen belagert wird. Sobald die Durchfahrt eines Zuges ansteht, bricht eine fast schon hysterische Unruhe aus. Hunderte Besucher drängen sich auf den Gleisen oder sogar auf der Brücke selbst, um die Vorbeifahrt der blauen oder roten Waggons festzuhalten. Dieser extreme Hype wird durch soziale Medien befeuert, wo das Bild des langsam über die neun Bögen gleitenden Zuges als das ultimative Symbol einer Reise durch Sri Lanka stilisiert wird.
Eingesetzt werden hier meist wenig fotogene, robuste Diesellokomotiven. Sie stammen oft aus China, Indien oder Japan und ziehen die typischen blauen oder roten Waggons der S-Klasse. Der Touristenzug Ella Odyssey hält oft für 10 Minuten direkt auf der Brücke. Er erreicht Ella meist gegen 14:47 Uhr an Wochenenden. Wie aufregend.
Ja, wir haben hier auch ein paar Fotos gemacht, aber uns gleichzeitig gefragt, was wir hier eigentlich wollen. Die Brockenbahn im Harz ist jedenfalls wesentlich aufregender und schöner. Viele Menschen sehen das offenbar anders, es fehlte für die richtige Stimmung auf der anderen Seite der Brücke nur noch eine Tribüne für die Menschenmassen.










Nach dem aufregenden Ereignis der Brückenüberquerung sind wir dann zu Fuß am Gleisbett entlang zur Unterkunft gelaufen. Die Wanderung von der Nine Arch Bridge in Richtung Kitha Ella ist eine der ebensten Strecken der Region, hier muss man viel weniger Höhenmeter überwinden als auf den Straßen. Man beginnt den Weg direkt an den markanten neun Bögen des Viadukts und folgt den Gleisen in westlicher Richtung. Kurz nach der Brücke führt die Strecke durch einen kurzen, dunklen Tunnel, aber der letzte Zug war gerade durchgefahren.
Nach dem Verlassen des Tunnels setzt sich der Weg flach entlang der Schienen fort, wobei man die tropische Vegetation und die Ausläufer der Teeplantagen passiert. Rechts und links geht es oft steil bergauf und bergab oder die Strecke führt durch fast senkrechte Einschnitte im Erdreich. Diese Art des Wanderns direkt auf dem Gleisbett ist in Sri Lanka zwar üblich, erfordert aber ständige Wachsamkeit gegenüber den akustischen Signalen der herannahenden Lokomotiven. Bei dem Mofatempo der Züge keine wirkliche Herausforderung, auch wenn es immer wieder um Kurven geht. Nach den schweren Unwettern Ende 2025 wurde die Strecke im März 2026 teilweise noch unregelmäßig bedient, und die wenigen Züge verkehren oft mit Verspätung. Auf Schildern am Gleis wird das Laufen hier nicht verboten, es wird nur darauf aufmerksam gemacht, dass es gefährlich sein kann.
An vielen Stellen der Strecke konnten wir beobachten, dass Erdarbeiten zum Abstützen steiler Hänge mit Betonmauern und Drainage stattfinden, oder es gibt an einigen kurzen Abschnitten neue Betonschwellen, manche Teilstücke von 2014, manche von 2024. Andernorts wurden einzelne zerfallene Holzschwellen durch neue ersetzt. Die Befestigung der Schienenstücke, die wie zu Kaisers Zeiten auf Stoß zusammengeschraubt sind, ist oft wackelig oder es fehlen Befestigungselemente. Ab und zu gibt es auch eine Lücke von ein paar Zentimetern oder es wurde ein Flickstück von 30 cm eingesetzt. Da freut man sich über die geringe Geschwindigkeit der Züge und dass es an vielen Stellen auf der Strecke eine zusätzliche Fangschiene wie an einer Weiche gibt, die ein Entgleisen bei leichten Schäden verhindert.
Der Pfad führt schließlich direkt zum Bahnhof von Ella, den man jedoch auf der Straße umrunden muss, um den weiteren Weg in Richtung Süden fortzusetzen. Laufen auf den Gleisen im Bahnhofsbereich wird mit hohen Geldstrafen geahndet, von der Seite darf man den Bahnsteig nicht betreten.
Hinter dem Bahnhof und der Straßenunterführung in Ella folgen die Gleise in leichten Kurve wieder dem Hang, während man sich langsam wieder vom geschäftigen Zentrum entfernt. Neben den Gleisen findet man immer wieder kleine Restaurants und sogar eine große Schaukel am Steilhang für Instagram-taugliche Fotos. Der Abschnitt in Richtung der nächsten Station namens Kitha Ella ist landschaftlich reizvoll, wird jedoch schnell physisch anspruchsvoller, wenn man das Ziel abseits der Schienen erreichen möchte.
Nach dem Ausblick auf den Kuda Ravana Waterfall auf der anderen Talseite zweigt der Weg dann extrem steil nach oben ab in Richtung Guest Inn Avendra, Michael hat 35% Steigung gemessen. Dieser Aufstieg zu unserer Unterkunft war besonders schweißtreibend, da er über ganz schmale betonierte Straßen steil bergauf führt, die bei feuchtem Wetter rutschig sein können.











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